Tages-Politik - Analyse und Kritik

 
 











 

Juni 2020

Zu weiteren seuchenpolitischen Absurditäten im Zeichen der 'Dialektik' von Beschränkungen und Öffnungen des nationalen Lebens

 

21.6.20

Zum Hotspot um die Fleischfirma Tönnies in Gütersloh

Zum Hotspot um die Fleischfirma Tönnies in Gütersloh lässt NDR-Landeschef Laschet am 21.6.20 verlauten, es gäbe zwar „ein enormes Pandemie-Risiko“. Das Infektionsgeschehen sei aber bei der Tönnies lokalisierbar. Statt Lockdown könne man „andere, bessere, zielgerichtetere Maßnahmen ergreifen“ – Zusatz dazu, was der Zielgerichtetheit der Maßnahmen offenbar gezielt zukommt: zuvor war schon mal die Rede davon, dass die Händelung des Ausbruchs gerade dadurch erschwert werde, dass die Infizierten zu Hunderten in mehr oder weniger auseinanderliegenden Unterkünften hausen würden.

Die Vernunftsbegabtheit dieser seuchenpolitischen Logik erschließt sich daraus, dass die Überlegungen zu neuem, wie auch immer umfassenden Lockdown erst dann anstünden, wenn absehbarer Weise das Virus signifikant auf den Rest der lokalen Bevölkerung überspringen würde – also Handlungsbedarf erst dann bestünde, wie der Volksmund sagen würde, so das Kind ‚bereits in Brunnen gefallen ist‘. – Dies ist kein Plädoyer für ‚verantwortungsvollere‘, alternative staatliche Seuchenabwehr, sondern soll den seuchenpolitischen Zynismus kennzeichnen, die Eindämmungsmaßnahmen darauf hin zu reflektieren, dass das öffentliche Leben und v.a. die Geschäftemachereien möglichst ungeschoren ihren Gang gehen sollen. Wenn dem Staat folglich die Ausbreitung nach seinem Dafürhalten zu weit ginge, also die Schadens- einschl. Todesfälle bis zu dieser Grenzziehung staatlicherseits in Ordnung gehen, behalte man sich Einschneidenderes vor.

Ergänzung:
Dass inzwischen nicht erst auf vermehrte Ausbrüche in der restlichen lokalen Bevölkerung zugewartet wird, sondern erweiterte Einschränkungen plus umfangreichere Tests parallel angeordnet wurden, ist kein Widerspruch zu der oben erwähnten staatlichen Risikobereitschaft, sondern verdankt sich unterschiedlichen Gesichtspunkten für den gleichen Zweck, nämlich der Dienlichkeit für den Standort - also einmal mehr die Restriktionen wegen unkalkulierbarer Virusverbreitung zu betonen, ein anderes Mal sich auf die lokale Beherrschbarkeit eines Hotspots zu verlegen, sodass im letzteren Fall die Geschäftigkeit in schon entschränkter Weise ihren Gang gehen könne, ohne allerdings sich jemals Ausbrüchen jenseits der jeweiligen Lokalität sicher sein zu können. An verfügten Restriktionen ist zu bemerken, wie rücksichtsvoll die Behörden in Bezug auf die Standortinteressen vorgehen: ein vollständiger Shutdown wie zu Beginn der Pandemie wurde vermieden, sodass einem Großteil der Geschäfte weiter nachgegangen werden kann; und die Zeitspanne von 1 bis 2 Wochen Anziehen der Beschränkungen zeugt davon, dass den Geschäfts- und sonstigen lokalen Standortinteressen bloß nicht allzu viel zugemutet werde.

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13.6.20

Lt. neuerster Studie: Endlich wissenschaftlich bewiesen die (sehr relative) „effektive“
Schutzwirkung von Masken gegen Corona

Nach einer Studie von US-Forschern um Renhi Zhang („PNAS“) hätte das Tragen von Schutzmasken u.a. in Italien 78.000 Coronavirus-Infektionen verhindert. Demnach sei die Übertragung des Erregers Sars-CoV-2 durch die Luft, v.a. via Aerosole der dominante Infektionsweg. Abstand halten und Quarantäne allein stoppten die Corona-Verbreitung nicht, eine Maskenpflicht sei effektiv.

Von höchster wissenschaftlicher Stelle wird als Erfolg gefeiert, dass u.a. in Italien bei offiziell dort gezählten ca. 240.000 Infektionen an die 78.000 Ansteckungen verhindert worden wären. In Bezug auf diese Erfolgsmeldung, wonach in Italien ungefähr 1/3 der Gesamtinfektionen über diese hinaus vermieden worden wären, fragt sich, was deren Maßstab ist, Infektionsverhinderung überhaupt garantiert nicht, denn: sie passt eher gut in das Kalkül bürgerlicher Staaten, deren Seuchenbekämpfungskriterium eben gar nicht auch nur die weitgehende Unterbindung von Virusbefall unter der Bevölkerung ist, sondern Opfer und Schäden im Volk durch die Seuche werden staatlicherseits gebilligt nach Maßgabe dessen, dass der Weiterbetrieb der Kapitalstandorte nicht signifikant berührt wird durch die volksgesundheitliche Verfassung der Insassen kapitalistischer Nationen. Im Klartext: halten sich Neuausbrüche in national definierten Grenzen, gehen diese einschließlich schwerer Verläufe und Dauerschäden durch den Virus bis hin zu tödlichen Ausgängen für den Staat in Ordnung.

Wie immer das Ergebnis zustande kommt, wie sich der Durchlass von statistisch durchschnittlich 40 Prozent der Schädlinge durch Alltagsmasken sich umrechnet in verhinderte Ansteckungen: was sich hier als wissenschaftliche Studie ausgibt, ist nichts als dienstbare Handreichung für die bürgerlichen Oberaufseher über das Hand-in-Hand-Gehen von Wiederaufkommen von Hotspots und in Inganghaltung des nationalen und marktwirtschaftlichen Lebens. Wissenschaftlicher sind sich also nicht zu schade, dem staatlichen Zynismus des In-Schach-Haltens der Pandemie, wofür sich immer neuer hoheitlicher Handlungsbedarf geschaffen wird wegen der Begünstigung der Epidemie durch und mit der Lockerungspolitik, eine höhere Weihe zu geben.

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Grünen-Chefin Baerbock für Schul-/Kitaöffnungen als Mittel gegen vermehrte Gewalt gegen Kinder in den Familien im Zuge der Corona-Pandemie

Baerbock beklagt per 7.6.20, dass sich bei Debatte um Öffnungen eher um Fußball und Möbelhäuser statt um die "zerbrechlichen" Kleinsten gekümmert wurde. Kitas und Schulen gehörten dagegen wegen der "Leiden vieler Kinder" als erstes geöffnet.

Angesichts der bestechenden Logik dieser Quasselsuse aus der ersten Garde der Grünen haben wir ein paar Fragen:

1.
Hört die Gewalt gegen Kinder auf, wenn sie zeitweise in Kitas oder Schulen aufbewahrt werden? Die wochenlange Abwesenheit von den öffentlichen Einrichtungen coronabedingt kann ja wohl kaum der Grund für das Verhauen von Kindern gewesen sein.

2.
Ausgerechnet die Züchtung zu bürgerlichen Konkurrenzsubjekten, wo es auf solche feine Tugenden wie die knallharte Durchsetzung gegen andere, populär als Ausbildung zur "Ellbogenmentalität" schon mal negativ besetzt, soll gescheite Medizin gegen die hässlichen Ausprägungen von 'Durchsetzungsfähigkeit' in den Familien und anderswo sein?

Die Stellung zu den großartigen bürgerlichen Bildungsanstalten als Ausweichquartiere angesichts der ungemütlichen Zustände in den Familien zeugt von einem gediegenen Desinteresse hinsichtlich der denen eigenen Beschaffenheit: Familien sind nichts als Notgemeinschaften zur Bewältigung der erbärmlichen materiellen Resultate von Lohnarbeit, wo dann auch schon mal Kindern handgreiflich zu verstehen gegeben wird, wie  die Belastungen für die Familien durch sie nicht gerade weniger werden; in Schulen und Kitas wird den Kleinen beigebracht, wie sie sich den Rauheiten der bürgerlichen Konkurrenzgesellschaft zu stellen haben. Schulen/Kitas als Rettungsanker für geschundene Kinder ist so verharmlosend bezüglich dessen, was diese den Kindern tatsächlich abverlangen und antun, wie  unkritisch gegen Grund der Gewalt in Familien, die als  Reproduktionsanstalten armer Lohnarbeiter gar nicht erst in Frage gestellt werden.

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Deutschlandfunk, 3.6.20:

Ein Hamburger Virologe plädiert u.a. vor dem Hintergrund der Lockerung der Reisebeschränkungen für den Unsinn einer kontrollierten Corona-Verbreitung

Wie schon mehrfach erwähnt, erweist sich die Dienerschaft von Virologen (und Epidemiologen) an der Politik darin, dass sie lauter Empfehlungen abgeben, wie die bürgerlichen Bräuche, von Kita-/Schulöffnungen bis aktuell Aufhebung genereller Reisewarnungen, unter den Umständen des nach wie vor aktiven Corona-Virus zu managen wären. Sie gehen damit trotz aller behelfsmäßigen Verhaltensweisen (Abstandsgebote) und Utensilien (Masken) von Neuanfachung von Infektionsherden aus (ausdrücklich als angeblich unvermeidliches Restrisiko benannt, das mit den Lockerungen allerdings geradezu begünstigt wird), und jetzt soll die schnelle und bedarfsweise umfängliche Testung/Nachverfolgung auf Virusbefall, nachdem letzterem mit sukzessiver Aussetzung des Lockdowns Vorschub geleistet wurde/wird, wie ein Kampfmittel gegen die Seuche taugen: kontrollierte statt unkontrollierte Corona-Verbreitung nennt sich dies.

Ohne diese Absurdität als solche zuzugeben, werden die Epidemie-Experten gleichwohl geständig, wenn sie einerseits das Infektionsrisiko z.B. bei Auslandsreisen nicht pauschal für alle Länder oder Landesteile einer auswärtigen Nation behaupten wollen*) – andererseits dem Hamburger Virologen das nicht zu unterschätzende Infektionsrisiko, wie auch immer verteilt, geläufig ist, weshalb dieser eher zum Urlaub in heimatlichen Gefilden statt im Ausland rät.

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*)So macht der Virologe in Bezug auf Infektionslage beispielhaft einen Unterschied zwischen Nord- und Süditalien, sodass es angeblich problemloser sei, im Süden Italiens sich vom Corona-Stress zu erholen