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Arcandor-Karstadt-Quelle


So sieht sie aus, die großartige Chance der Insolvenz:

Das größte Versandhaus Europas wird "abgewickelt"
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Sanierung von Karstadt unter viel Verzicht der Mitarbeiter

Stand:  Okt./Nov. 2009




Jetzt ist es raus, was "Insolvenz als Chance" heißt:
Der Verkauf von Quelle an interessierte Investoren ist zusammen mit der Kalkulation der Banken, die Kreditfinanzierung von Quelle wohl vor dem Hintergrund massiv eingebrochener Geschäfte nicht mehr geschäftstauglich aufrechtzuérhalten, gescheitert. Das "traditionsreiche" Versandhaus schließt und damit stehen 4000 bis 7000 Arbeitnehmer-Existenzen, Hunderte von Vor-Ort-Quelle-Läden, noch mal einige Hundert Leute aus Logistik-Centern und Call-Centern vor dem Ruin. Die neu-deutsch "Abwicklung" titulierte Pleite erfolgt zudem als billige Verscherbelung der Restlagerbestände , u.a. um die Befriedungsmasse für die Gläubiger hochzuhieven - nicht zuletzt, was den Massekredit des Staates betrifft, der ja ein letzter Kraftakt zur Aufrechterhaltung der Geschäftstätigkeit gewesen sein soll.
Kommentar des obersten bayrischen Landesfürsten: sie hätten mit Massekredit alles ihnen Mögliche getan, aber der Staat könne nicht anstelle des nun endgültig maroden Unternehmens treten; will sagen: dass ständig Firmen, auch Großunternehmen, der Konkurrenz zum Opfer fallen samt tausendfacher Existenzruinierung bei Arbeitnehmern gehöre nun mal zur Normalität der besten aller Wirtschaften.

Nun wird den außer Lohn und Brot Gesetzten großartige "Hilfe" der modernen Arbeitsagenturen angeboten: schnelle Neuvermittlung und Qualifizierung wären angesagt. Denn auch das gilt als normal: kaum haben die Leute erfahren, wie unsicher ihr Dasein in der Profitwirtschaft ist, haben sie die Pflicht, sich erneut feilzubieten. Angesichts der Konkurrenz um knappe Arbeitsplätze ist die Annahme unterbezahlter Jobs und solcher unterhalb des bisherigen Qualifizierungsstandards das Gebot der Stunde. Verdrängungswettbewerb per Unterbietung wird so vom Staat kräftig angeheizt, sodass es schon wieder Bedarf zur Betreuung neuer Arbeitsloser gibt.
Weiterbildung ist die Pflicht, sich gemäß den geschäftlichen Bedürfnissen irgendwo auf dem Arbeitsmarkt zurechtzustutzen, gleichgültig, ob irgendein Unternehmer Bedarf hat. Und wenn die Leut das Glück haben, den ersehnten Arbeitsplatz zu ergattern, sind sie wieder den Aufs und Abs der Geschäftskalkulation mit ihnen ausgesetzt. Irre scheint daran keiner zu werden.


Zur besserwisserischen ideologischen Besprechung der Ursachen des Untergangs eines Großversandhauses  in der Öffentlichkeit :

Die Wirtschaftsexperten wussten es natürlich schon vorher, woran Quelle versagte:
die Zeichen der Zeit, die Trends (v.a. Internetgeschäft) verschlafen, einseitig auf das antiquierte Kataloggeschäft gesetzt. Es ist dies nichts als der parteiische Standpunkt, hier habe einer nicht konkurrenztüchtig genug agiert - also die Widerlichkeit, dass statt Amazon und Co. Quelle den Umsatz wegschnappen, das einst große Versandhaus es versäumt habe, die Waffen der Konkurrenz so zu schmieden, dass die alten und neuen Konkurrenten das Nachsehen haben, mithin dort die Zerstörung von Geschäft und Arbeiterexistenzen stattfindet. - Im übrigen ist es albern, am angeblichen veralteten Handel per Katalog das Scheitern von Quelle festzumachen: die Konkurrenz namens Otto-Versand setzt nachwievor auf das Geschäft über den Katalog und soll zugleich erfolgreich im Internethandel dastehen. Beide Sorten Geschäftemacherei vertragen sich hier offenbar prima.
Nie und nimmer ist solchen Besserwissern die Konkurrenzwirtschaft selbst mit ihren ruinösen Begleiterscheinungen betreffend den Reichtum und die Existenz der Abhängigen ein Dorn im Auge; die richtige Einstellung zu und Umsetzung der Konkurrenznotwendigkeiten, Ratschläge eben zu zeitgemäßen Konkurrenzstrategien sind ihr parteilich gefärbtes Lieblingsthema!



Zu den laufenden "Rettungsmaßnahmen" bei Karstadt: Belegschaft darf viel verzichten für den  geschäftlichen Fortgang eines Warenhauses:

Im Unterschied zu Quelle ist die Insolvenzverwaltung in Bezug auf Karstadt und dessen geschäftlichen Fortbestand optimistischer: das Warenhaus schreibe im "operativen Geschäft" schwarze Zahlen, sei liquide und die Lieferanten sorgten für Nachschub, Rechnungen werden bezahlt. Aber: das "Ringen um die Zukunft von Karstadt habe gerade erst begonnen".

Denn damit es langfristig und verlässlich wieder aufwärts geht, sind harte Sanierungsmassnahmen auf den Weg gebracht: 150 Mio. Weihnachts- und Urlaubsgeld sowie übertarifliche Zulagen, für jeden Mitarbeiter 2500 Eur pro Jahr wird an Verzichtsleistung gefordert; etliche Filialen sollen geschlossen werden, die nichts oder zuwenig zum Gewinn beitragen. Dies schimpft sich Planinsolvenz, auf dass aufgrund der Sanieungsmassnahmen ein Investor auf den Geschmack kommt, sich bei Karstadt als lohnendes Geldvermehrungsobjekt einzukaufen.

Und die Heinis von der Gewerkschaft haben extra ein Wirtschaftsgutachten erstellen lassen, um prüfen zu lassen, inwieweit der groß angelegte Verzicht der lieben Mitarbeiter wirtschaftlich tragfähig ist - natürlich unter der Einforderung dessen, dass auch andere ihren Sanierungsbeitrag leisten: so sollen doch tatsächlich Vermieter von Verkaufsflächen dazu gebracht worden sein, von ihren Mietforderungen runterzugehen und so für die Kostenbilanz von Karstadt was beisteuern. - Gewerkschaften plustern sich heutzutage ohnehin nur noch als die besseren Manager auf. Jede Erinnerung daran, dass die Leute vom Lohn leben können müssen, ist getilgt. Gehen die Leute normalerweise arbeiten, um mit einem Einkommen ihr Leben zu bestreiten, kann man an der laufenden Sanierung nicht nur von Karstadt studieren: umgekehrt wird hier Lohn dreingegeben, um weiter für den Geschäftserfolg der Firma arbeiten zu dürfen.
Und das ohne jede Garantie: die "Zukunftsfähigkeit" des Warenhauses muss sich erst noch bewähren; das Ende der Fahnenstange ist längst nicht erreicht; weiterer Verzicht, Stellenabbau und Filialschließungen sind vorprogrammiert.

(Quelle: Südd. Zeitung v. 11.11.09)


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