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Arcandor-Karstadt-Quelle:

"Insolvenz als Chance" - eine Lüge und Zynismus dazu

Stand:  Juni 2009


Im einer der größten Finanz- und Wirtschaftskrisen des globalen Kapitalismus meldet ein namhaftes Unternehmen nach dem anderen wegen Zahlungsschwierigkeiten oder Zahlungsunfähigkeit Insolvenz an wie Kaufhausgiganten Hertie oder Karstadt als  Teil des Konzerns Arcandor,  oder diese stehen zunächst  im Raum wie beim Autohersteller Opel (bei welchem im Wege der Herauslösung aus dem amerikanischen Mutterkonzern, mittels massiver Staatshilfe und finanzstarken Investoren die Insolvenz abgewendet wurde - mit allerdings nicht weniger ungemütlichen Aussichten für die Beschäftigten, die für den Aufbruch von Opel zu neuen Ufern werden bluten müssen. Und für den verbleibenden Rest der Belegschaft ist noch längst nicht ausgemacht, ob die neue Geschäftsstrategie der neuen Eigentümer ihre stolzen Arbeitsplätze unter allerlei materiellen Verzicht und Leistungsforcierung wielange sichert).

Insbesondere die Politik und die Damen und Herren Insolvenz-Verwalter selber beherrschen gekonnt das Ammenmärchen, in der Insolvenz läge auch eine "Chance". Fragt sich nur inwiefern und für wen?

Die erste Lüge ist schon unmittelbar greifbar und erhellt aus dem Begriff Insolvenz, zu deutsch: Zahlungsunfähigkeit, heißt: das ganze schöne ins Unternehmen gesteckte Kapital, einschließlich die Bankkredite taugen nicht mehr dafür, am Markt zu bestehen und sich durchzusetzen. Die finanziellen Rückflüsse und Erträge schrumpfen in einer Weise,dass noch nicht mal laufende Zahlungsverpflichtungen erfüllt werden können. Die Erfolglosigkeit in der Konkurrenz hat ergeben, dass der Geschäftsbetrieb eigentlich eingestellt werden müsste. Früher führte sowas zur Eröffnung des Konkurses, populär: der Pleite-Geier kreist über die Firma. Heute schimpft sich das Insolvenz.

Das, worin die behauptete großartige "Chance" liege, stellt ab auf das vom Staat vorgesehene Verfahren, wie im Falle von Insolvenz vorzugehen ist. Und was da als sog. "Rettungsschirm" unter Aufsicht von Insolvenz-Verwaltern vorstellig gemacht wird, dass auch noch möglichst viele Arbeitsplätze erhaltenswert zu machen wären, enthält schon wieder nichts als Unwahrheiten und Zynismen dazu:

Die Sorgen der lieben Mitarbeiter um ihren Lebensunterhalt sind sowieso nicht das Maß; denen werden eher Sorgen bereitet: wenn unter Bedienung der Zins- und Tilgungsansprüche der Gläubiger oder deren Verzicht auf Forderungen sowas wie eine Sanierung oder Teilsanierung ansteht, haben die abhängig Beschäftigten nichts zu lachen. Unrentable Unternehmensteile werden dichtgemacht, also etlicher materieller Reichtum und Lohnarbeiterexistenzen darüber vernichtet!  Noch florierende Firmenabteilungen werden mit oder ohne neuen Geldgeber oder finanzielle Spritzen der Alteigentümer fortgeführt mit i.d.R. entsprechenden Einbußen und verschärfter Ausnutzung der Arbeitskraft ; schließlich gilt es sich gegen die Konkurrenz zu wappnen.
Also von wegen "Chance": die Subjekte des neuen Geschäftsgangs nach Abwicklung der Insolvenz können sich neuer Ertragschancen erfreuen; das Fußvolk an der Arbeitsfront hat nichts als Plackerei für wenig und meist gesenktem Lohn davon oder wird erst gar nicht mehr dazu zugelassen per Entlassung.

Und dann noch ein Wort zu den sog. Wirtschaftsexperten:

Was das Insolvenz-Verfahren betrifft, so mag zwar ein "Neuanfang" über den Erlass von Schulden in Gang kommen. Diese Streichung von Schulden in der Bilanz ist erst mal nur ein formeller Akt. Selbst im Falle der materiellen Entlastung von Zins- und Tilungslasten sagt dies noch nichts über die Beständigkeit der Ertragserwirtschaftung bzw. deren Wiederherstellung aus. Der ökonomische Grund dafür, weshalb sich die ganzen Kredite nicht als Mittel des Geschäftserfolgs erwiesen haben, ist nämlich mit der Bilanzbereinigung gar nicht aus der Welt geschafft.- Der Erfolg am Markt will erst errungen sein: das ist der Unterpfand dafür, dass Banken wieder Kredite herausrücken. Natürlich gibt es das Instrument der Bürgschaft. Aber alles läuft drauf hinaus, das Banken wie meist staatliche Bürgen die Waffen der Konkurrenz geschmiedet sehen wollen; die Konkurrenz schläft aber nicht. Die ganze Chose geht dann wieder von vorne los: entweder das sanierte Unternehmen kriegt die Kurve, dann haben andere Unternehmen das Nachsehen mit drohender Pleite -  oder der einst wieder solventen Firma steht das endgültige Aus bevor.
Aber auch dafür haben die Praktiker und Ideologen der Marktwirtschaft die kompetent verharmlosende Antwort parat: das Kommen und Gehen von Unternehmen ist nun mal ein Markenzeichen der besten aller Wirtschaften.




Nachtrag 1/ Aug. 2009

Zu dem ökonomischen Gehalt der Übernahmepläne der Konkurrenz, namentlich Metro, in Bezug auf Karstadt/Quelle.


Die - inzwischen nicht mehr aktuell sein sollenden - Fusionspläne von Metro, wonach 30% der Karstadthäuser geschlossen werden sollten : damit stellt der verbleibende Gigant in Sachen Kaufhäuser die Schrumpfung der Zahlungskraft der Kunden bzw. deren Verlagerung auf die Billiganbieter auf der "grünen Wiese" (übrigens tatkräftig gefördert durch die lokalen Staatsvertreter, die nicht genug davon kriegen können, möglichst viel Wirtschaftsleistung auf ihrem Gebiet enzuwerben und zu konzentrieren) oder auf die Billig-Discounter in Rechnung. Der Fusionsbetreiber sucht sich explizit die "Sahnestücke" unter den Karstadt-Filialen raus, um deren Gewinnpotential für sich einzuheimsen. Es soll sogar vorkommen, dass Kaufhof- und Karstadt-Dependancen prächtig nebeneinander auf der gleichen Einkaufsmeile das Geschäft an sich gezogen haben. Hier gilt dasselbe wie bei den anderen Sanierungsvarianten: einiges an Reichtum und Arbeitnehmerexistenzen werden dafür ruiniert, dass der Fusionist Metro am Geschäft der noch profitablen Abteilungen des (einstigen) Konkurrenten Arcandor partizipiert. Gesichert ist damit für die noch Beschäftigten gar nichts.
Und Vorsicht ihr Wirtschaftsmoralisten: den Schickedanz und Co. eins reinzureiben, weil sie zur Vermeidung der Insolvenz nicht risikofreudig genug wären, indem sie frisches Kapital zur Eindämmung der Zahlungsklemme und zum Wiederaufschwung des Geschäfts zuschießen, das sogar per Gesetz erzwingen zu wollen: widerspricht dies nicht ein wenig dem verfassungsmäßigen Hauptgrundsatz der Marktwirtschaft, nämlich der Freiheit des Privateigentums? Die moralischen Inquisitoren übersehen, dass die Schickedanzen in der Geschäftskrise dieselben allseits anerkannten Maßstäbe anlegen wie in allen wirtschaftlichen Phasen - rentieren muss sich ihr Kapital! Wenn in der Krise alles andere als gesichert ist, dass es mit Kapitalbezuschussung wieder aufwärts geht, dann geht auch kein Kapitalist das Risiko ein.
Ein Treppenwitz der Verfassungsgeschichte ist, wenn aus ihr hergeleitet wird, "Eigentum Verpflichte" zu sozialen Wohltaten - es verpflichtet zu dessen Vermehrung, eingeschlossen alle schädlichen Konsequenzen für die Abhängigen. Letzteres mal zum Anlass für eine praktische Kritik an Staat und Kapital zu nehmen, liegt denjenigen fern, die partout sich Kapitalismus als einträgliches Nebeneinander von dessen Profiteuren und deren lohnarbeitenden Fußvolk denken und fest die Treue halten.


Nachtrag 2/ Dez. 2009

Zur Besonderheit der Kreditfinanzierung im Versandhandel (sog. Factoring)

Es soll im Versandhandel das sog. Factoring als Spezialität der Kreditierung üblich sein, d.h. die Abtretung/Verkauf von Kundenforderungen des Versandhändlers an Banken.
Hier liegt offenbar so etwas wie eine finanztechnische Ökonomisierung vor: statt also die sukzessiv einkommenden Rückflüsse per Ratenzahlungen der Kunden mit Kredit zu überbrücken, erhält der Versandhändler per Abtretung der Forderungen an Banken sofort Flüssiges , als hätten die Kunden sogleich voll geleistet - natürlich unter Abzug gewisser Abschläge, weil sich die Banken die Übernahme des Kredit-/Ausfallrisikos im Verhältnis zu den Kunden des Versandhauses fürstlich entgelten lassen. Die Versandfirma verhält sich bei dieser Sorte Finanzierung also so, als wären die Zahlungsversprechen ihrer Kunden bereits eingelöst. Die wie realiter stattgefundene, vorweggenommene Vereinnahmung von Vorgeschossenem bzw. aufgewendetem Kapitaleinsatz plus Gewinnmarge versetzt den Versandhändler in die bequeme Position ihre Verbindlichkeiten bei Lieferanten umstandslos zu erfüllen und die Kontinuität des Geschäftsgangs sicherzustellen - gleichgültig dagegen, was aus den einstigen, jetzt abgetretenen  früheren Kundenforderungen wird, die sein Problem nicht mehr sind; das hat die Versandfirma ja erfolgreich auf die Banker abgewälzt.
Allerdings trifft auch beim Factoring die allgemeine Kennzeichnung zu, die auch bei gewöhnlicher Kreditvergabe gilt: der Erfolg des Geschäfts und damit die Kreditwürdigkeit hängen an der Solidität/Bonität der Masse der Kunden und der Geschäftstüchtigkeit des Versandunternehmens gegen die allgegenwärtige Konkurrrenz. Sind hier signifikante Einbrüche zu verzeichnen, entzieht die Factoring-Bank dem Versender das Vertrauen und es ist aus mit der Kreditierung bzw. Übernahme der Kundenforderungen - bzw. die Kreditierung erfolgt nur noch zu Bedingungen, dass es sich für den Kreditnehmer bzw. Abtreter der Kundenforderungen nicht mehr rechnet. Und dies ist offenbar bei Quelle so eingetreten: erhebliche Umsatzrückgänge und das damit einhergehende Misstrauen in die Kreditwürdigkeit mangels Fortgang profitabler Geschäftsfähigkeit haben dem Großversender den Garaus gemacht.

 


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